Der Schneiderbals von Birklingen

Eine lustige Jagdgeschichte aus dem 16. Jahrhundert

Dortmals war eine arge Zeit. Bei Ochsenfurt lagen die aufrührerischen Bauern und in den oberen Vogteien lag der Hunger. Wer damals noch etwas zu beißen hatte, der nahm es wohl in acht, mehr wurde es nicht leicht. In Birklingen, hart unter dem Schwanberg war die Not auch nicht klein. Kühe gab es schon lange keine mehr, nur eine alte Geiß war noch da. Die gehörte aber nicht dem Schneiderbals, sondern einer armen Wittiberin stund sie zu. Daß aber deswegen oder wegen der schlechten Zeitläufe der Bals Hunger gelitten hätte, das vermag beim besten Willen keiner zu sagen. Dortmals ging der Spruch „Schneider geh weiter“ und auf Sprüche und Sprichwörter achtete der Bals. Und so nahm er bei Tagesanbruch seinen Schnepper unter den Kittel und stieg in den Wald der mächtig von allerlei Getier belebt war. Hier ließ er seinen Schnepper lustig surren, oftmals fiel ein Böcklein, manchmal aber auch nur eine Geiß. Auch Häslein und Hühner gingen mit. Vor den Knechten des Wildbannes, den Castellern wie den Iphöfern brauchte er nicht groß in Sorge zu sein. Seit der „Bundschuh“ auf der einen Seite anzündete, die Onoldsbacher Reiter aber auf der anderen Seite mit löschten, traute sich keiner der „Hasenfüße“ wie sie der Bals allesamt titulierte über die Grenze. Der Scheiderbals von Birklingen aber war ein Schalk. Märlein und ein lustig Stücklein waren seine Götzen. Daß er aber ganz vergessen kunt auf ein Haussprüchlein, das vom Krug und dem Zerbrechen nämlich, das hätte man ihm gar nicht zutrauen sollen. Dennoch vergaß es der Bals und derenthalben hörte er auch das Zerbrechen der Bauernschädel nicht, das die Bündischen bei Königshofen und Ingolstadt so trefflich schnell verrichteten. Und so versah er auch daß wenn die Bündischen wieder Herr wären, den Vögten, Bannknechten und anderen Hasenfüßen der Kamm wieder mächtig schwellen würde.

Kurzum nach Pfingsten war es, da kam dem Bals ein Böcklein gar schön an. Schätzte es von der Fern gesehen auf 40 Pfund Nürnbergisch. Mit dem Schnepper am Backen und dem Bock genau nachfahrend, so stund der Bals. Endlich konnte er gut abziehen – da! – steigt der Bock bolzengerad in die Höhe, schlägt um sich und fällt zusammen. Jenseits der Grenzgräben aber schlagen Hunde an und da sieht der Schneiderbals hell, arg hell: der Casteller Bannknecht hat den Bock geschossen! „Schneider, geh weiter“ so hämmerts dem Bals unter dem Brustfleck. Wer sich aber nicht rührt noch regt, das ist der Schneiderbals von Birklingen. Weswegen soll ich weiter? Steh ja in gutem Wind und bin fürsorglich gedeckt, obendrein noch auf dem Speckfelder Grund, diesseits der Landwehr. Und auf der Speckfelder Seite liegt auch das Böcklein in starkem Schweiß. „Mußt eben halt doch sehen was der Bannknecht macht“ murmelt der Bals. Holt er den Bock und schleppt ihn heim, dann wahrhaftig, dann schreist ihn als einen Wilddieb an. Die Casteller haben das Recht der Jagdfolge keineswegs. Hängt er aber den Bock auf, dann sei nur ruhig, der läuft dann nicht davon.

Ja, dortmals war eine schlimme Zeit, bei den Speckfeldern gar, seit die eins sind mit dem Onoldsbacher, dem Markgrafen Casimir, das ist einer! Den spürten jüngst die von Kitzingen mit Grausen.

Was tust jetzt, murmelt der Bannknecht in seinen Bart hinein, halt, so kanns gehen. Vordersamt nimmt er die Hunde. An der Koppel zerrt er sie hinüber auf den Casteller Grund. „Ducken“ und die Tiere lagen mäuschenstill. Wiederum geht er über die Grenze zum Böcklein, geht zweimal um dasselbe herum. Dabei hält er Umschau nach allen Richtungen. An einer Weidenschlinge hebt er endlich das Böcklein und bald geht’s mit einem heruntergebogenen Aste einer Eiche in die Höhe. Der Schneiderbals steht unterdessen immer noch im Gebüsch und rührt und regt sich nicht. Dabei denkt er: „Der Bock hängt allerdings, mich stößt er aber doch, muß mich seiner halt erwehren.“ Ganz von weit weg schallt jetzt noch das Gekläff der Hunde. Der muß jetzt schon weit weg sein wohl über den Roßberg. Was braucht sich da der Bals immer noch vom Bock stoßen zu lassen. Ist schon besser er nimmt den Bock herunter und das tat auch der Bals. Er nimmt ihn auf die Achsel und schleicht mit ihm bis zur Birklinger Waldspitze durchs Stangenholz. Da, auf bischöflichem Grund hängt das Böcklein wieder an einer Eiche.

Um die dritte Stunde nach dem Mittage hebt in Birklingen ein mächtig Geschrei an: „Die letzte Geiß nun ist sie auch dahin“. Heulend läuft die alte Wittiberin im Dorfe herum, endlich zum Schneider. „Bals, meine Hepper ist dahin, scharre sie ein, ich vermag es nicht“. Der Bals wills tun, ihr zuliebe. Gegen Abend sieht man den Schneiderbals, den christlichen Mann wie die alte Wittiberin denkt, aus dem Dorfe schreiten. Auf den Achseln die verreckte Geiß keucht er weiter bis auf die Landwehr auf Speckfelder Grund. Da zieret dann auch bald die Hepper eine Eiche. In derselben Nacht, viel später aber, schleichen 2 Casteller, der Bannknecht und der Hundsbub über die Grenze. Suchen auf dem Speckfelder Grund eine Eiche wo ein braver Bock hängen soll. Habend endlich den richtigen Ort und in nicht allzu langer Zeit stürzt von der Eiche ein Tier zu Boden. „Bannknecht – was ist das wohl?“ rief plötzlich der Hundsbub. „Greif einmal daher und daher. Nimmermehr ist das ein Bock“. Hastig reißt jener Stahl und Stein aus dem Sack. Lange dauerts. Endlich blaut der Schwefelfaden. Jetzt freilich sieht ers. Am Boden liegt eine verreckte Geiß.

„Bannknecht, mir kommts Grausen an“ flüstert der Hundsbub mit klappernden Zähnen, „und mir die Wut“ knirschte jener. „Kein anderer kann mir das angetan haben, als der Schelmenkerl, der Bals von Birklingen“. Heller Zorn hatte den Bannknecht erfaßt. Die geballte Faust schüttelt er gen Birklingen. „Schneider, Gott sei bei der!“

Damals war eine schlimme Zeit. Der Bannknecht weiß das und derthalben ziehen sich die Casteller wieder rasch über die Grenze zurück.

Walter Krüninger, Mainbernheim

Quelle: Die Dorflinde; Heimatgeschichtliche und unterhaltende Beilage zum "Scheinfelder Kurier"; Sonntag, 02.10.1932