Das Augustinerchorherrenstift Birklingen  
von Andreas Brombierstäudl

Wie berichtet wird, befand sich um das Jahr 1455 in der Kapelle zu Birklingen ein wundertätiges Marienbild. Es war dies eine Statue der schmerzhaften Muttergottes mit dem Leichnam Christi auf dem Schloß. Die zunehmende Verehrung des Bildes und zahlreiche Gebetserhörungen veranlaßten den Würzburger Fürstbischof Johann von Grumbach, dort ein Kloster zu errichten.

Auf seine Veranlassung übernahmen 1459 Augustinerchorherren aus Heidenfeld und Triefenstein die Wallfahrtsseelsorge. Als erster Rektor des neuen Klosters wird Balthasar Monachi genannt.

Da sich in der Folgezeit keine weiteren Chorherren zu Übertragung ihrer Gelübde auf die neue Gründung entschließen konnten, wandte sich Bischof Johann 1461 an das Generalkapitel der Windesheimer  reformierten Augustinerchorherren. Von dort erging die Weisung an das Kloster Kirschgarten (bei Speyer), drei Priester und einen Subdiakon nach Birklingen zu entsenden.

Der bisherige Rektor, Balthasar Monachi, trat zurück und schloß sich der Windesheimer Reformkogregation an. Seine ihm beigegebenen Mitbrüder kehrten nach Heidenfeld und Triefenstein zurück. Der Name des neuen, aus Kirschgarten kommenden Rektors ist nicht überliefert. Die von ihm geleitete kleine Ordensgemeindschaft unterstand zunächst noch dem Prior des Mutterklosters Kirschgarten. Erst durch die 1463 erfolgte Inkorporation in die Windesheimer Kongregation wurde Birklingen selbständig. Die dortigen Konventualen erhielten damit auch das Recht, einen Prior zu wählen.

Nach dem Tode des Rektors N.N. (29.09.1462) stellten die Visitatoren (Prior Berthold Scharm von Kirschgarten und Prior Heinrich Geylink von Hönningen) Johann von Offenburg als Rektor auf. Er trat bereits am 11.09.1463 wieder zurück. Auf ihn folgte Johannes von Sonsbeck. Nach der Eingliederung in die Windesheimer Kongregation wurde er einstimmig zum Prior gewählt. Er war damit der erste Prior des Augustinerchorherrenstifts Birklingen.

Als Nachfolger erschienen:  

Petrus Megen 1473 - 1474
Meffrid 1474 - 1510
Ditterich 1510 - 1519 (?)
Michael Wisandt 1519 (?) - 1527
Hieronymus Roeß 1527 - 1542

Mit Zustimmung des Domkapitels trennte Bischof Johann am 17.03.1462 die Kapelle und nunmehrige Klosterkirche von der alten Martinspfarrei in Iphofen und übertrug sie mit allen Einkünften und Zinsen dem Kloster. Von nun ab wurde auch die Seelsorge in Birklingen von den Augustinerchorherren wahrgenommen.

Im Verlauf einer Fehde des Würzburger Bischofs mit dem Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg fiel dessen Vogt, Jörg von Gebsattel, mit Bewaffneten am 25.04.1462 in das Kloster ein. Dabei wurden die Mönche mißhandelt, die anwesenden Pilger ausgeraubt und Bücher, päpstliche Ablaßbriefe und Kirchengeräte vernichtet oder entwendet. Vor ihrem Abzug steckte die Horde noch Kloster und Dorf in Brand. Glücklicherweise erloschen die Flammen, bevor alle Gebäude erfaßt waren. Auch die Kirche blieb verschont.

Trotz der Zerstörung gingen die Wallfahrten weiter. Längst konnte die Marienkapelle die zahlreichen Beter nicht mehr fassen. Reiche Spenden ermöglichten den Bau einer weiträumigen Wallfahrtskirche. Nachdem schon am 24.05.1458 durch Weihbischof Johannes Hutter der Grundstein für den neuen Chor gelegt worden war, konnte am 24.12.1463 dort erstmals Gottesdienst gehalten werden. Mit der Vollendung der Gewölbe des Langhauses im Jahre 1506, dürfte der Kirchenbau zum Abschluß gekommen sein.

1466 wurden die wieder errichteten und erweiterten Klostergebäude bezogen. Auch Unterkunftshäuser für die Pilger waren entstanden. Ein Koch, ein Metzger, ein Wirt und Bierbrauer sorgten für das leibliche Wohl. Aus allen Teilen Deutschlands, aus Böhmen, Ungarn, Italien und anderen Ländern kamen die Wallfahrer. Immer reichlicher flossen die Opfergaben.

Am 26.07.1480 legte Prior Meffrid den Grundstein zum Erweiterungsbau des Dormitoriums und zum neuen, größeren Refektorium. Beide Gebäude waren 1482 fertiggestellt. Das bisherig Refektorium diente von nun an als Schreibstube. Am 07.07.1500 wurde der Kreuzgang vollendet. Zu den sehr wertvollen Fenstern hatte Markgraf Friedrich IV. von Brandenburg 140 Gulden gestiftet (als Versöhnungsgabe für die Zerstörung im Jahre 1462).

Wenn auch über die Wallfahrtskirche nur sehr spärliche Aufzeichnungen vor- liegen, so lassen sie doch die einstige Pracht dieses Gotteshauses erahnen. Sieben Säulenpaare trugen die Gewölbe. Von der reichen Ausstattung werden die Flügelaltäre der Nürnberger Malerschule, die Glasgemälde in den hohen Fenstern und die Grabmonumente der Grafen von Castell besonders erwähnt. Weithin berühmt waren die dort verwahrten oder zur Schau gestellten Reliquien. Um 1487 besaß die Wallfahrtskirche bereits einen so reichen Reliquienschatz, wie ihn kaum alte und berühmte Kathedralkirchen ihr eigen nannten.“ (Th. Freudenberger)

An Hand des Reliquienverzeichnisses können 7 Altäre und 1 Tragaltar nachgewiesen werden. Der Gnadenaltar (Wallfahrtsaltar) mit der alten Pietà stand im Mittelschiff.

In der Kirche waren beigesetzt:  

Graf Wilhelm II. von Castell gest. 07.08.1479
   
seine Gemahlin, Gräfin Anna,  
geb. von Helffenstein gest. 06.11.1472
   
deren Sohn, Graf Friedrich IX.  
von Castell gest. 12.01.1498
   
dessen Gemahlin, Gräfin Elisabeth  
geb. von Reytzensteyn gest. 08.10.1512

Verschiedenen Berichten zufolge, sollen auch der auf der Jagd verunglückte Graf Leonhard II (Sohn von Friedrich IX.) und Graf Georg I. in der Wallfahrtskirche ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Nach der 1525 erfolgten Zerstörung der Kirche ließ Graf Wolfgang die Gebeine seines Vaters (Friedrich IX.) nach Ebrach , die seiner Mutter (Gräfin Elisabeth) nach Castell überführen. Was mit den übrigen dort begrabenen Angehörigen des Hauses Castell geschah, ist nicht bekannt.

Leider kündet kein Bild von Aussehen der Klosteranlage. Im Fürstlichen Archiv zu Castell  liegt lediglich ein Grundriß der Wallfahrtskirche vor. Er entstand vermutlich kurz vor dem Abbruch der Reste der Langhauses (1782) und läßt erkennen, daß sich der Haupteingang zur Kirche an der Südseite befand. An die Nordwand schlossen sich die Klostergebäude an.

Nach der Zerstörung des Klosters (1525) kümmerte niemand die verzweifelte Lage der Chorherren. Die meisten von ihnen hatten im Klosterhof in der Stadt Iphofen Zuflucht genommen. Doch auch hier waren sie nicht gern gesehen. Wie groß ihre Not war, geht daraus hervor, daß der „alte vater“ (Prior Michael Wisandt) und der „custos“ (Kilian Bischoff) den bitteren und nicht ungefährlichen Gang in das Lager der Bauern antraten, um bei ihnen Hilfe zu erbitten. Erst auf Befehl der Hauptleute ließ sich der Rat herbei, den beiden, weil sie alte „verlebte menner“ seien, „ir leibsnarung“ zu gewähren. Auch das Windesheimer Kapitel konnte nicht helfen. So waren die noch arbeitsfähigen Konventualen gezwungen, ihre Ordenskleidung abzulegen und ihren Lebensunterhalt anderswo zu suchen. Nach der Niederlage der Bauern wurden die Chorherren zwar wieder in ihr Eigentum eingesetzt, aber zu viel war zerstört und verloren gegangen.

Ende 1525 klagte der Prior beim Landrichter Hans von Lichtenstein, daß die Iphöfer dem Befehl des Bischofs, den klösterlichen Besitz herauszugeben, nicht nachkommen wollen. Außer den Kirchenkleinodien hatte das Kloster Hausrat, Getreide, Wein und Vieh im Werte von mehr als 25.000,-- Gulden verloren. Dazu war bei der Plünderung des Klosterhofes in der Stadt ein Schaden von 400 Gulden entstanden. Noch ehe die Bauern kamen, hatten die Iphöfer 8 Fuder  Wein und 50 Malter  Getreide weggeführt.

Aus dem Schreiben des Priors geht auch der Grundbesitz des Klosters hervor.
Er umfaßte:

2.000 Morgen Feld
4.000 Morgen Wald
   400 Morgen Wiesen
     29 Morgen Weinberge
     12               Weiher

Zu all dem kamen noch etliche Häuser, Höfe und Weinkeller, die Pfarrei St. Martin, die Spitalpfründe, die Frühmeßpfründe der Pfarrkiche St. Martin und Vikarie der Kapelle zum hl. Grab.
Da an einen Wiederaufbau der abgebrannten Gebäude und an die Bewirtschaftung der Güter in absehbarer Zeit nicht zu denken war, übergaben Prior und Konvent am 09.01.1526 alle Einkünfte, Rechte und Güter ihres Klosters, gegen ein jährliches Leibgedinge von 583 Gulden, dem Hochstift Würzburg.

Schon ein Jahr später schien sich eine grundlegende Wendung anzubahnen. Auf Grund einer Bulle des Papstes Clemens VII., wurden die Bischöfe als Visitatoren aller geschädigten Ordenshäusern bestimmt. Ein von Bischof Konrad eingesetzte Kommision erklärte den am 09.01.1526 abgeschlossenen Vertrag aus formellen Gründen für ungültig und erließ für das Kloster Birklingen eine „Charta reformationis“. Danach wurde den Chorherren als vorläufiger Wohnsitz der Birklinger Hof in Iphofen angewiesen. Ordenskleidung und Klausur wurden wieder eingeführt und die Verwaltung der Güter dem Prior übertragen.

Die entwichenen Professen, der Priester Hieronymus Marstaller und der Laienbruder Endres N. erhielten die Aufforderung, innerhalb eines Monats in den Konvent zurück zu kehren. Das zerstörte Kloster sollte baldigst wieder errichtet werden. Auch die Wiederherstellung der Wallfahrt war geplant.

Prior Michael Wisandt wurde seines Amtes enthoben. An seine Stelle trat Hieronymus Roeß.

Bald aber zeigte sich, daß die "Charta reformationis" nur ein Stück Papier blieb, daß es nicht gelang, sie mit Geist und Leben zu erfüllen. Sicherlich waren die außeren Umstände für einen Neubeginn nicht besonders günstig. Wirschafts- und Unterkunfsgebäude fehlten, ein großer Teil der Felder war verwüstet, das Klosterpersonal in alle Winde zerstreut. Vielfach wurde der dem Kloster zustehende Pachtzins verweigert. Auch das Verhältnis zur Stadt hatte sich nicht gebessert. 1532 erklärte der Prior dem Bischof gegenüber, er und seine Mitbrüder wollten lieber ¼ Jahr in den Ruinen zu Birklingen leben, als 14 Tage in Iphofen.

Daß letzten Endes alle Bemühungen der bischöflichen Visitatoren scheitern mußten, lag vor allem am Konvent selbst, an dem mangelnden Zusammenhalt der Chorherren untereinander und an der Energielosigkeit des neuen Priors.

Wie könnte man es sonst verstehen, daß der Prior von Rebdorf, Kilian Leib, 1530 den Abt von Münsterschwarzach bat, sich für den Wiederaufbau des Klosters Birklingen einzusetzen?

1542 zog Bischof Konrad das Klostervermögen endgültig an sich. Vom ehemaligen Konvent lebten zu diesem Zeitpunkt nur mehr Prior Hieronymus Roeß und Bruder Petrus Ran.

An Petri cathedra (22.02) 1546 wurde der Haushalt des Klosters aufgelöst. Der letzte der Konventualen, Petrus Ran, suchte um Aufnahme im Kloster Münsterschwarzach nach.

"Versunken und vergessen!" Dieses Dichterwort kann auch am Ende der Geschichte des Augustiner-Chorherrenstiftes Birklingen stehen. Nur noch einige Mauerreste künden von der einstigen Gnadenstätte. Die ganze Tragik aber offenbart sich in der Tatsache, „daß das Stift Birklingen nach seinem Untergang so sehr in Vergessenheit geriet, daß es im 18. Jahrhundert selbst den Augustinerchorherren des Klosters Rebdorf, mit dem es einst in enger Verbindung gestanden, kaum mehr dem Namen nach bekannt war.“ (Th. Freudenberger)

Quelle: Iphofen - von Andreas Brombierstäudl, Seite 350 ff.